Leseprobe


„Weiter so, du bist auf dem Weg!“, äusserte sich Claudios ehemaliger Lehrer bei einem Besuch im Atelier, wo Claudio fast seine ganze Freizeit mit Malen verbrachte. Zurzeit arbeitete er an einigen vielversprechenden Entwürfen von schwebenden, bizarren Engeln vor dem Hintergrund eines in grellem Rot und Gelb gehaltenen Sonnenaufgangs. „Was die Maltechnik betrifft, machst du laufend Fortschritte und das Talent ist dir in die Wiege gelegt worden. Da waren sich an der Schule alle einig. Jetzt musst du einfach malen, malen und nochmals malen und nicht ruhen. Wenn du weiterhin so hart arbeitest, werden die Resultate nicht ausbleiben, da bin ich mir ganz sicher.“

Doch es sollte ganz anders kommen. Arthur, der Chinese - so genannt, weil ein Elternteil aus Indonesien stammte - tauchte nach längerer Abwesenheit wieder in der Szene auf und brachte Heroin in erstklassiger Qualität mit. Der Chinese wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die Bullen von irgendeinem abgefuckten Typen davon erfahren würden. Deshalb verhökerte er die ganze Ware innerhalb kürzester Zeit und verschwand wieder, keiner wusste wohin. Natürlich hatten sich die Freunde um Sophia kräftig eingedeckt. Der Chinese war bereits vor Jahren, als alles begann, öfters Gast bei ihnen gewesen. Aus diesem Grund hatte er sich als erstes bei Sophia und Damian gemeldet und ihnen das H zu einem Vorzugspreis angeboten. Damian und seine Freunde setzten die Buschtrommeln ein und am folgenden Nachmittag verkaufte der Chinese die restliche Ware oben bei der Stadtmauer. Auch Claudio, trotz chronisch leeren Taschen, leistete sich einige Tütchen, da der Preis so tief lag. Im Gegensatz zu Nero und Raffa - die es für die reinste Verschwendung hielten, diesen aussergewöhnlich reinen Stoff nicht zu fixen - sniffte Claudio bloss und konzentrierte sich weiterhin auf seine Malerei. Er fand, dass er nach einem Sniff besser male als in nüchternem Zustand und wandelte sich zeitweise zu einem richtigen Workaholic. Seiner Freundin erzählte er nichts davon. Er wusste von ihrer Abneigung gegenüber harten Drogen und wollte sich ihrer vorwurfsvollen Predigt nicht mutwillig aussetzen. Magda hatte die Kunstgewerbeschule nur wenige Monate besucht, danach eine Lehre als Schmuckverkäuferin begonnen und diese vor wenigen Monaten mit Erfolg abgeschlossen. Nun arbeitete sie in einem bekannten Schmuckgeschäft mitten in der Stadt. Sie und Claudio beschlossen, zusammenzuziehen und fanden bald eine kleine Wohnung in einem älteren Quartier der Stadt. Beide hatten je ein Zimmer für sich eingerichtet. Magda das grössere, damit genug Platz für ihr französisches Doppelbett vorhanden war. Sie hatte sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt und es mit ihrem ersten Lohn angeschafft. Meistens schliefen sie beide in Magdas Zimmer. Wenn sie jedoch Zoff hatten, was hin und wieder vorkam und die Versöhnung nicht auf dem Fuss folgte, verzog sich Claudio schmollend in sein Zimmer, bis sie wieder in normaler Lautstärke kommunizieren konnten. Als Claudio auf Grund seiner Arbeitswut abends immer später nach Hause kam und, um seine Freundin nicht aufzuwecken, in seinem Zimmer schlief, wurde Magda argwöhnisch. Bis anhin hatten sie jede Woche drei- bis viermal Sex gehabt und jetzt schien Claudio plötzlich kein Interesse mehr an ihr zu haben. Oder, wie sonst sollte sie sich sein Fernbleiben aus ihrem Bett erklären? Magda war nicht der Typ Frau, welche eine Sache von dieser Wichtigkeit auf die lange Bank schob und wollte der Angelegenheit gleich auf den Grund gehen.

"Wir müssen einige Dinge miteinander bereden“, sagte Magda beiläufig, als sie nach dem Abendessen die Teller abspülte und die Speisereste in den Abfallkübel wischte. Wie üblich hatten sie in der Küche gegessen - tiefgekühlte Pizza, Magdas Menu Nummer eins, wenn sie keine Lust zum Kochen hatte.

„Reden? Über was denn, ich will gleich wieder ins Atelier gehen! Kann es nicht bis morgen warten?“ Claudio geriet immer gleich in Panik, wenn seine Freundin diesen Ton anschlug: Mit ruhiger Stimme, etwas kühl unterlegt, als ginge es nur um eine Kleinigkeit; ob er ihr beim Aufhängen eines Bildes helfen könnte oder, ob sie am nächsten Wochenende an ein Konzert dieser angesagten neuen Band gehen würden. Um dann, wenn sie endlich zur Sache kam, mit etwas ganz anderem herauszurücken. Automatisch scannte Claudio im Schnellgang sein Register der kürzlich begangenen, möglichen Straftaten - hatte er sinnlos Geld ausgegeben, ein Versprechen nicht eingelöst oder etwa mit anderen Frauen geflirtet, was die häufigste Ursache ihrer Meinungsverschiedenheiten ausmachte? Es wollte ihm rein gar nichts einfallen.

„Du kannst nachher immer noch ins Atelier gehen, wenn es unbedingt sein muss, doch zuerst möchte ich eine ehrliche Antwort von dir auf folgende Frage.“ Magda zögerte kurz und sprach es aus: „Warum ist Sex in unserer Beziehung plötzlich nicht mehr wichtig? Es ist noch nicht lange her, da kriegtest du nicht genug, da wolltest du die ganzen freien Nachmittage im Bett verbringen!“ Claudio war perplex, diese Frage hatte er am wenigsten erwartet. Es stimmte, das mit den Sonntag- und Mittwochnachmittagen, wo Magda gewöhnlich zu Hause blieb und den Haushalt besorgte. Und er einen Joint rauchte - an den Sonntagen konnte es vorkommen, dass sie auch einige Male inhalierte und sie dann Magdas Doppelbett zum Beben brachten. Seitdem er fast jeden Tag Heroin sniffte - waren dies nun zehn oder zwanzig Tage? - und er sich voll auf die Malerei konzentrierte, hatte er kaum Gedanken an Sex verloren. Dies erstaunte ihn selber, denn Sex hatte ihm immer sehr viel bedeutet und er konnte sich sein momentanes Desinteresse nicht erklären.

„Ich weiss auch nicht“, stotterte er nach einer Weile des Nachdenkens, während Magda ihn genau beobachtete. „Du weisst doch, wie wichtig mir das Malen ist und zurzeit läuft es wie geschmiert, ich male und vergesse einfach alles rund um mich herum.“ „Das habe ich bemerkt“, erwiderte Magda, mit einer Prise Bitterkeit in ihrer Stimme, „du vergisst alles, sogar mich, doch dass du keine sexuellen Bedürfnisse mehr hast, nehme ich dir nicht ab! Du neigst doch eher zur Perversität denn zur Abstinenz, waren deine eigenen Worte.“

„Wer sagt denn, dass ich keine sexuellen Bedürfnisse mehr habe“, antwortete Claudio irritiert, „bloss weil ich zurzeit auf diesem Gebiet nicht besonders aktiv bin?“

„Was heisst denn nicht besonders aktiv?“ Magdas Stimme wurde eine Nuance bestimmter. „Inaktiv käme der Wahrheit bedeutend näher, auf jeden Fall, was mich betrifft!“

Nun hatte Claudio begriffen. Magda unterstellte, dass er sie betrog. Augenblicklich fühlte er, wie sich die Wut in seinem Innern empor frass, so wie immer, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. „Das ist der Hammer!“ rief er empört, bemüht, die Wut unter Kontrolle zu halten. „Du glaubst also, dass ich dich betrüge, bloss weil ich einige Nächte nicht mit dir geschlafen habe?“

„Das habe ich nicht behauptet. Abgesehen davon hast du keinen Grund, dich aufzuregen“, erwiderte Magda, auch etwas lauter. Im Streiten waren sie einander ebenbürtig, im Argumentieren wie auch im Tonvolumen. Heute jedoch ging es Magda nicht darum, Recht zu haben oder ihre Meinung durchzuboxen. Es ging darum, ob ihr Freund eine andere hatte. Sie sah ihm in die Augen und fragte mit erregter Stimme: „Dann erkläre mir, was los ist. Habe ich was falsch gemacht oder begehrst du mich einfach nicht mehr?“

„Ich hab’ dir doch soeben erklärt, was los ist“, antwortete er ärgerlich. „Und natürlich begehre ich dich immer noch. Und eine andere gibt es nicht, damit auch dies gesagt ist. Ich male, rauche mal einen kleinen Joint mit Anselmo und male weiter, das ist alles!“

„Das ist alles, ja genau so ist es!“, wiederholte Magda zynisch, „Ok, du kiffst und malst und vergisst alles andere, das habe ich kapiert. Doch sag mir“, sie zögerte einen Moment um Atem zu holen und schnaubte ihn an, „sag mir, wann komme ich verdammt noch mal in diesem Tagesablauf vor oder denkst du immerzu nur an dich?“

„Scheisse, verdammte, soll ich es dir nochmals erklären?“, schrie Claudio, nun wirklich in Rage geraten, „warum bist du heute so schwer von Begriff? Es läuft mir im Atelier so gut wie noch nie und ich werde bald genug Bilder fertig haben, um eine Vernissage durchzuführen. Und jetzt kommst du und fällst mir in den Rücken! Ich habe allmählich die Schnauze voll von diesem ganzen Weibergequatsche!“

„Genau!“, schrie Magda nun ebenfalls voll Zorn und zutiefst verletzt darüber, dass er nicht im Geringsten auf ihr Anliegen eingegangen war. „Wenn ich was sage, ist es bloss Gequatsche. Der grosse Künstler hat gesprochen. Dann geh doch zu deinen Helgen, kiff dich voll mit deinem Anselmo und bleib, solange du willst. Los, hau' schon ab!“

Claudio liess sich nicht zweimal bitten und machte sich davon. Als er das Atelier betrat, hatte es zuerst den Anschein, als wäre ein Brand ausgebrochen, da dichte Rauchschwaden in der Luft hingen. Rote und blaue Glühbirnen, welche von der Decke herunterhingen, verbreiteten ein schummriges Licht. Von weiter hinten dröhnte ihm funkige Rockmusik entgegen, durchmischt mit lautem Lachen und jetzt war Claudio klar, was hier abging. Immer noch unter dem Eindruck des Knatsches mit seiner Freundin fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, dass sie möglicherweise Recht hatte und er tatsächlich nur noch an sich und seine Arbeit und nichts anderes denken konnte: Er hatte ganz vergessen, dass heute Anselmo, sein Partner, in ihrem gemeinsamen Atelier seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag feierte. Vor einigen Tagen erst hatte Anselmo ihn darüber informiert und, ob ihm dies recht sei. Nun war also Anselmos ganze Clique aufgetaucht, um mit ihm zu feiern. Auf einem Tisch in der Mitte des Ateliers hatten sie eine Wasserpfeife hingestellt, daneben standen einige halbleere Flaschen billigen spanischen Champagners, womit offensichtlich der bläulich schimmernde Behälter der Pfeife gefüllt worden war und die Leute bedienten sich im Stehen, wechselten sich beim Rauchen ab, tanzten oder sassen auf Matratzen, welche Anselmo und Claudio für solche Zwecke schon früher organisiert hatten. Nach einigem Suchen fand Claudio im hinteren Teil des Ateliers Anselmo, zusammen mit Sabina, seiner Freundin. Sie waren sich über die Wahl der Musik nicht einig, denn Claudio vernahm beim Nähertreten Sabinas heftige Einwände: „ .....du kannst Flamenco so viel spielen wie du willst, wenn du keine Gäste hast. Aber jetzt wollen sie Gas geben und abtanzen. Also bitte, bleib beim Funk!“ Mit diesen Worten legte sie eine CD ein, als sie Claudio entdeckte. „Hallo Claudio, wir vermissten dich schon“, begrüsste Sabina ihn lächelnd mit Küsschen. Bevor sie Anselmos Freundin wurde, hatten sie und Claudio eine kurze Affäre gehabt, einen verlängerten ‚One Night Stand‘ sozusagen. Es war die Zeit, bevor Claudio Magda kennen lernte und wo seine Liebeleien nie länger als einige Wochen dauerten. Damals war sie knapp vierzehn, hübsch, überaus sexy. Er war ihr erster Kerl gewesen. Nachdem sie die Enttäuschung über sein schnelles Desinteresse, nach tränenreichen Nächten und langen Aussprachen mit ihrer besten Freundin überwunden hatte, waren sie Freunde geblieben. Als er dann das Atelier bekam, besuchte sie ihn hin und wieder, lernte Anselmo kennen und wurde bald darauf dessen Freundin. Anfänglich hatte Anselmo vermutet und dies auch gegenüber Claudio erwähnt, dass sie nur deshalb mit ihm ginge, um so viel wie möglich in Claudios Nähe zu sein. Claudio hatte bloss laut gelacht, die Hände verworfen und, „vergiss es“, gesagt. Er war so verliebt in Magda, dass er nicht mal im Traum an ein Comeback mit Sabina denken wollte.

„Na Alter, echt was los in der Bude, was?“, rief Anselmo mit breitem Grinsen. Er war eher klein gewachsen, mit langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen brandschwarzen Haaren und einem offenen, gutmütigen Blick. Echtes Romablut pulsierte in seinen Adern und er erwähnte es gerne und viel, so stolz war er darauf. Mit seinen Bildern im Stile des von ihm überaus verehrten Salvador Dali hatte er bereits mehrere kleine Ausstellungen durchgeführt, ohne grossen Erfolg allerdings, doch war er zutiefst von seinem Talent überzeugt und glaubte fest daran, dass ihm eines Tages der Durchbruch gelingen würde. Er war eigentlich alles andere als in Feststimmung, doch sagte Claudio nicht nein, als Anselmo ihn mit den Worten, „Hast du schon die Pfeife ausprobiert?“, am Arm nahm und Richtung Wasserpfeife dirigierte. Sie saugten den Haschisch gurgelnd durch den spanischen Champagner in ihre Lungen und verloren sich gleich wieder aus den Augen, weil Neuankömmlinge lärmend auf Anselmo zueilten, um ihm zu gratulieren. Claudio verweilte noch länger beim Hasch, trank danach inmitten von Anselmos Romakumpeln auf dessen Wohl Champagner, dann war erneut die Wasserpfeife an der Reihe und so weiter. Seine anfängliche Unlust hatte sich schon längst verzogen, als die Party sich dem Höhepunkt näherte. Claudio tanzte ausgelassen, aber dennoch immer darauf bedacht, eine gute Figur zu machen, dies war er seiner Eitelkeit schuldig. Anselmo war einer der ersten, welcher einige Zeit später buchstäblich zu Boden ging. Er hatte mehr getrunken als jeder andere, schliesslich feierte er seinen vierteljahrhundertsten Geburtstag, wie er fortwährend lauthals bekannt gab, als er die letzte halbe Stunde mit einer Flasche Freixenet bewaffnet herum getorkelt war. Mit Sabina hatte er sich erneut, diesmal äusserst heftig gestritten, weil er wie immer, wenn er besoffen war, nur noch Flamenco - die einzig wahre Musik - abspielen wollte. Was bereits mehrfach geschehen war, doch fünfmal sei genug, hatte Sabina energisch befohlen und schlussendlich die Flamenco CDs versteckt. Das hatte den berauschten Anselmo rasend gemacht und er betitelte Sabina als hinterhältige Fotze. Darauf erwiderte sie, dass sie sich dies von niemandem bieten lasse, auch von einem besoffenen Scheisszigeuner nicht. Diese Worte brachten die Romas in Rage und für einige Momente lag ein handfester Streit zwischen den betrunkenen Romas und den zugebüchsten Freaks in der Luft. Von denen hatten die meisten das Intermezzo allerdings gar nicht mitgekriegt, da sich der Streit zwischen Anselmo und Sabine im hinteren Teil des Ateliers abgespielt hatte. Glücklicherweise kippte Anselmo in diesem Moment um, „randvoll wie ein Scheisshaus“, wie jemand bemerkte.

Die Romas waren unschlüssig, was jetzt zu tun sei. Sabina hatte sich unsichtbar gemacht, also wandten sie sich an Claudio. Er hatte sich aus dem Streit herausgehalten, weil er seinen Partner gut genug kannte und wusste, dass Anselmos Gutmütigkeit schnell in Aggression kippen konnte. Vor allem, wenn man ihn unter Alkoholeinfluss reizte. „Am besten, ihr nehmt ihn mit und passt auf ihn auf, damit er nicht wie Jimi Hendrix beim Kotzen erstickt“, schlug Claudio vor. Nach einigem Hin und Her trugen sie den bewusstlosen Anselmo in ein Auto und verschwanden. Dies bedeutete gleichzeitig das Ende der Party, auch wenn einige Unentwegte noch lange durchgehalten hätten. Doch Sabina stellte die Musik ab und begann aufzuräumen, worauf sich das Atelier zu leeren begann.

„Warum mache ich dies überhaupt noch mit“, jammerte Sabina, als sie und Claudio die herumliegenden Pappbecher, Freixenet- und Colaflaschen und anderen Abfall in einen Plastiksack warfen. Da Claudio nichts erwiderte, fuhr Sabina fort: „Jedes Mal, wenn Anselmo betrunken ist, und dies ist er seit einiger Zeit an jedem Wochenende, endet es in einem Streit, mit Beschimpfungen der übelsten Art wie heute.“

„Er ist frustriert, weil seine Bilder wenig Beachtung finden“, versuchte Claudio seinen Kollegen halbherzig zu verteidigen und warf den Inhalt eines Aschenbechers in den Abfall.

„Das ist noch lange kein Grund und keine Entschuldigung für sein Benehmen mir gegenüber“, antwortete Sabina entrüstet. „Es kommt mir vor, als gäbe er mir die Schuld an seinem Misserfolg.“ Nach einer Pause richtete Sabina ihren Blick auf Claudio: „Und du, wie geht es mit deiner Malerei vorwärts?“

„Es geht so, na ja, eigentlich nicht schlecht.“

„Nicht schlecht?“ Sabina lachte: „Wie ich gehört habe, soll bald deine erste Vernissage stattfinden und dass du wie ein Verrückter arbeitest und Tag und Nacht hier im Atelier anzutreffen bist, wie ich selber feststellen konnte.“

„Tag und Nacht, beinahe“, bestätigte Claudio, doch sein Lächeln erstarb auf den Lippen, als er sich plötzlich an seinen Knatsch mit Magda erinnerte. Voller Inbrunst warf er den Inhalt eines weiteren Aschenbechers in den Plastiksack. Sabina war seine heftige Bewegung nicht entgangen: „Und, was meint Magda zu deiner Arbeitswut?“ „Was soll sie schon meinen?“, antwortete Claudio schroff. Er fasste sich aber sogleich und fügte an: „Klar findet sie, dass ich zu viel Zeit in die Malerei investiere, aber so ist es nun mal.“ Er klopfte zwei Zigaretten aus dem Päckchen, steckte sie sich leicht zwischen die Lippen und zündete beide an. Diese Geste erinnerte Sabina an frühere, glückliche Zeiten, als Claudio ihr immer auf diese Art eine Zigarette angeboten hatte. Sie musterte ihn unbefangen, doch er hatte sich bereits wieder abgewandt. Als auch die leeren Champagnerflaschen in eine Kiste verstaut waren, stand nur noch die Wasserpfeife auf dem Tisch.

„Wem gehört eigentlich diese Pfeife?“, fragte Sabina.

„Einem Freund meines Bruders, Damian, er wird sie demnächst wieder abholen.“ Claudio drückte seine Zigarette aus und meinte“: Ich hätte Lust, nochmals einige Züge reinzuziehen, bevor ich mich auf den Heimweg mache. Hast du sie auch ausprobiert? Ganz interessante Wirkung, zusammen mit dem Schampus.“

„Nein danke“, erwiderte Sabina, „ich kann Champagner nicht ausstehen, doch zu einem Joint nach der ganzen Plackerei würde ich nicht nein sagen.“

„Ok, dann leeren wir die Pfeife und füllen Wasser ein, wie ganz normale Leute, nicht?“ Claudio stellte die Pfeife auf den Boden neben eine Matratze, während Sabina aus Anselmos Versteck ein kleines Piece dunklen Hasch holte. Auf der Matratze sitzend rauchten sie abwechslungsweise aus demselben Mundstück. Als das Piece alle war, lehnte sich Claudio mit dem Rücken an die Wand, um sich mit geschlossenen Augen ganz dem Rausch hinzugeben. Sabina verliess die Matratze und gleich darauf machte Claudio hohe, geheimnisvolle Töne aus, welche in gleichmässigen Abständen von der Diele auf die Matratze zu tropfen schienen. Er konzentrierte sich auf diese Töne und erkannte plötzlich Pink Floyds, ‚Echoes‘, sein früher von ihm wieder und wieder abgespieltes ‚Echoes‘ aus der LP ‚Meddle‘. „Erinnerst du dich, wie schön es damals war?“, vernahm er Sabinas geflüsterte Worte.

„Ja, ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen“, antwortete Claudio leise und öffnete seine Augen. Sabina lag seitlich neben ihm, mit halbgeschlossenen, verträumten Augen. Sie hatte die Beine etwas angezogen und Claudios Blick wanderte von ihrem Hüftschwung zurück zu ihrem hellen Busenansatz am Ausschnitt ihrer Bluse. Sabina lächelte und ihre Finger strichen langsam, wie in Zeitlupe, über die Innenseite von Claudios entspannt ausgestreckter Hand, berührten sie kaum, wanderten hin und her, als sie die feinen Linien in seiner Haut nachzeichneten, während Claudio fühlte, wie er von den Zehen bis zum Kopf auf die Magie von Sabinas Berührung zu reagieren begann.

„Küss mich“, flüsterte Sabina und strich Claudio sanft über die Haare. Claudio nahm den feinen Geruch ihres Parfüms wahr und augenblicklich verband sein Erinnerungsvermögen das damit verbundene sinnliche Vergnügen aus vergangenen Tagen. Seine Hand glitt unter ihre Bluse und ertastete die Knospe, welche sich seiner Berührung entgegenstreckte. Sabina seufzte auf und stammelte „ja, ja, ja“ als Claudio ihre vollen Brüste aus den Körbchen des Büstenhalters hob und sie mit heiss fordernden Küssen bedeckte. Sabina stöhnte, Claudios Verlangen und Erregung wuchs ins Grenzenlose und drei Augenblicke später vereinigten sie sich in geilster Wollust. Ihre bebenden Leiber wurden eins, rollten quer über die Matratze von einer Seite auf die andere, sie oben, er unten und umgekehrt bis sie beide keuchend und stöhnend ineinander verkeilt ihre Körpersäfte austauschten.

Claudio kehrte erst am folgenden Nachmittag nach Hause zurück. Magda war nicht da, wie er zu seiner Erleichterung feststellte, hatte ihm aber einen Zettel hinterlassen, „bin zu meinen Eltern gegangen, komme erst gegen Abend zurück, Magda“. So hatte er noch etwas Zeit, sein schlechtes Gewissen zu kurieren. Es war immerhin das erste Mal gewesen, dass er Magda betrogen hatte - eigentlich, so hielt er seinem Gewissen vor, trug sie die Schuld daran, denn hätte sie ihn vorigen Abend nicht fortgeschickt, wäre dieser Ausrutscher mit Sabina nie passiert. Zudem, hatte sie ihm nicht unterstellt, eine Geliebte zu haben und ihm damit sozusagen einen Freipass gegeben? Doch, so lustvoll das Intermezzo mit seiner Ex gewesen war, so war es eben nur ein Ausrutscher. Er liebte Magda, das war ihm erneut bewusst geworden. Über Sabinas Empfinden machte sich Claudio keine Gedanken. Irgendwann gegen Morgen hatte sie das Atelier verlassen, wie er im Halbschlaf feststellte. Er war froh darüber, als er sich einige Stunden darauf einen Kaffee machte und die erste Zigarette rauchte, denn Claudio konnte sich kein Thema vorstellen, welches er an diesem Morgen gerne mit Sabina diskutiert hätte.

Magda kam um sechs Uhr abends wie angekündigt nach Hause zurück, grüsste den in der Küche hantierenden Claudio mit einem kühlen „Hallo“ und rauschte in ihr Zimmer. Nach einigen Minuten kam sie umgezogen wieder heraus und ignorierte vorerst den Strauss roter Baccararosen mitten auf dem Küchentisch. Claudio drehte sich kurz nach ihr um, sagte seinerseits „Hallo“ und wandte sich wieder seiner Beschäftigung zu. Magda füllte ein Glas Wasser und setzte sich wortlos an den Tisch. Das Ungesagte hing wie ein Schleier zwischen ihnen, bis es Claudio nicht mehr aushielt. Es lag an ihm, das Gespräch zu eröffnen.

„Ich hatte es ganz vergessen, Anselmo feierte gestern seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Wir machten durch bis gegen Mittag.“ Magda liess einige Momente verstreichen, bis sie mit einigem Zynismus antwortete: „So lange dauerte es, bis er besoffen wegtrat?“

„Er fiel schon früher aus, doch seine Kumpels, du kennst doch seine Romafreunde, wollten noch nicht nach Hause und als endlich die meisten weg waren, gings ans Aufräumen.“ Magda fragte nicht weiter, was Claudio entgegenkam, um das Thema zu wechseln. „Wie gehts deinen Eltern?“

„Ach, machen wir uns doch nichts vor! Als ob es dich im Geringsten interessieren würde“, erwiderte Magda trocken. Ihre Eltern und Claudio waren sich auf den ersten Blick unsympathisch gewesen. Sie sahen in ihm nichts als einen eitlen Gockel mit künstlich aufgeblähtem Kamm, wie sich Magdas Papa, ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler, nach dem ersten Treffen unverblümt ausgedrückt hatte. Von ihrem Vater hatte sie kein anderes Urteil erwartet, für ihn zählte nur, was einer verdiente. Doch ihre Mutter wollte unbedingt wissen, mit wem ihr einziges Kind in wilder Ehe, im Konkubinat, wie sie missbilligend betonte, zusammenlebte. Allein deswegen hatte Magda schlussendlich nachgegeben und Claudio zum sonntäglichen Mittagessen in ihr Elternhaus mitgenommen. Es kostete die Eltern einige Überwindung, ihm zur Begrüssung ein freundliches Lächeln zu schenken. Der eitle Schlaks, mit langen Haaren und seinen von schäbigen Second Hand Läden stammenden weiten Hemd und Hosen war nicht das, was sie sich als zukünftigen Schwiegersohn wünschten. Claudio seinerseits lächelte nicht mal, da er sensibel genug war, um den Gegenwind auf seiner Haut zu spüren. „Archetypische Spiessbürger!“, antwortete er kurz und bündig, als Magda ihn später nach seiner Meinung über ihre Eltern gefragt hatte und brachte sie damit zum Lachen. Dies war nun bereits einige Zeit her und heute war ihr nicht nach Lachen zumute gewesen. Ihre Mutter hatte sofort gemerkt, dass bei ihrer Tochter wieder mal Zoff angesagt war und sie mit diesem Blick gemustert, den sie so hasste. Der Blick mit der unausgesprochenen, weil mittlerweile von Magda verbotenen Frage, wie lange sie es noch mit diesem Pseudokünstler aushalten wolle.

Als der erste Hunger gestillt war - was sehr bald der Fall war, da beide keinen grossen Appetit hatten - gab sich Claudio einen Ruck und begann zu reden. Er sei sich bewusst geworden, dass er gestern einen Fehler gemacht habe und es täte ihm aufrichtig leid, ihr in der Diskussion ausgewichen zu sein. Möglicherweise sei er in seiner Manie, zu malen und nichts als zu malen, wie es ihm sein Mentor eingegeben habe, einfach zu weit gegangen. Als Beweis für seine gedankliche Fixierung auf die Malerei erzählte er, dass er sogar das Geburtstagsfest von Anselmo total vergessen habe und ihm deswegen nicht mal ein Geschenk mitgebracht habe und dies morgen nachholen wolle. Magda hörte zu und schwieg, nahm endlich die roten Rosen wahr und roch an einem der halboffenen Kelche, obwohl sie genau wusste, dass die Natur diese Sorte zwar mit grosser Schönheit, dafür mit weniger Wohlgeruch ausgestattet hatte. Als Claudio sich endlich zum Kern des Problems, ihrem Sexleben, vorwagte, schenkte sie ihm wieder ihre volle Aufmerksamkeit.

„Ich habe über das, was du gestern angesprochen hast, nachgedacht, und, nun ja, wir, das heisst ich,“ Claudio suchte nach den richtigen Worten, „eben, ich scheine tatsächlich in letzter Zeit etwas einseitig geworden zu sein und das tut mir echt leid.“ Da Magda weiter beharrlich schwieg, fuhr Claudio fort: „Ich weiss, ich habe dich vernachlässigt, wegen der Malerei, wie ich schon gestern erklärt habe, doch werde ich dies ändern, indem ich einen Zeitplan erstelle.“ Claudio schaute seine Freundin fragend an. Magda zauberte ein Lächeln hervor und umfasste Claudios Hand: „Das ist alles, was ich gestern von dir wünschte, dass wir reden, dass wir darüber reden, wie es weitergehen soll. Deshalb musst du nicht einen Zeitplan aufstellen, den du sowieso nicht einhalten kannst. Ich verstehe sehr gut, dass bei deiner Arbeit keine fixen Arbeitszeiten gelten, doch will ich in deinem, besser gesagt, in unserem Leben auch eine Rolle spielen.“ Claudio fiel ein Stein vom Herzen, er hätte nie geglaubt, dass Magda so schnell einlenken würde. Er lächelte glücklich, umarmte und küsste sie leidenschaftlich. „Nachher feiern wir Versöhnung, ja?“ Magda nickte bloss, schmiegte sich an ihn und meinte neckisch: „Du wirst einiges beweisen müssen!“

„Ich werde dich nicht enttäuschen“, versprach Claudio, „ich hätte da noch ein kleines Piece Hasch dabei, soll ich ...?“

„Heute lieber nicht“, bat Magda, „ich muss morgen früh raus.“

Wochen vergingen. Magda und Claudio schliefen wieder regelmässig miteinander und ihr Sexleben war sogar noch besser als je zuvor, da beiden nach der letzten Meinungsverschiedenheit die Bedeutung des körperlichen Zusammenseins in ihrer Beziehung bewusst geworden war. Magda leistete sich raffinierte Dessous und zusammen schauten sie sich sogar Pornofilme an, etwas, das sie sich noch vor kurzer Zeit nie hätte vorstellen können. Claudio arbeitete immer noch sehr intensiv, ja besessen, um endlich genug Bilder fertig zu haben, sodass die geplante Vernissage konkret ins Auge gefasst werden konnte.

Anselmo und Sabina hatten sich bald nach der Geburtstagfeier getrennt, wie Claudio von seinem Atelierpartner erfuhr. Doch stimmte dies nicht ganz, Sabina hatte ihn verlassen, wie jeder in der Szene wusste, nachdem Anselmo sie nach einer weiteren heftigen Auseinandersetzung geschlagen hatte. Claudio äusserte sich nicht dazu. Das Schäferstündchen hatte er in seiner Erinnerung schon längst zu den Akten gelegt. Sabina war seit ihrer Trennung von Anselmo, der zurzeit in Spanien bei seinen Verwandten in den Ferien weilte, dem Atelier gänzlich ferngeblieben, bis heute. Claudio hatte ihren Gruss nur knapp erwidert. Er war mit den letzten Korrekturen an seinem neusten Werk beschäftigt - einem riesigen Engel, welcher mit ausgebreiteten Armen über einem explodierenden Globus schwebte – und er wollte eigentlich von niemandem gestört werden. Sabina schenkte dem Bild nur einen kurzen Blick, während sie sich eine Zigarette ansteckte. Endlich löste sich Claudio widerwillig von seiner Arbeit, legte den Pinsel weg und erbat sich auch einen Glimmstängel.

„Wie gehts denn so?“

„Uns geht es gut“, sprach Sabina und schaute ihn herausfordernd an.

„Uns?“, fragte Claudio, Blick und Denken immer noch auf sein im Entstehen begriffenes Werk gerichtet.

„Ja, uns. Unserem gemeinsamen Kind und mir.“