Leseprobe 


In der Mitte eines wie üblich nassen und kalten Novembers kehrte ich nach einem halbjährigen Aufenthalt in Südengland in meine Heimatstadt Luzern zurück. 

Meine Gefühle waren zwiespältiger Natur, als der Zug kurz vor Luzern zwischen den ziemlich heruntergekommenen und deshalb mehrheitlich von ausländischen Arbeitern bewohnten Häusern von Reussbühl und entlang der Reuss in die Stadt hineinrollte. Denn in Gedanken war ich immer noch in England und die soeben erwähnten Häuser neben der lärmigen Eisenbahnlinie erinnerten mich an ähnliche, wenn auch weitaus grössere Quartiere in den Vororten der englischen Städte. Und an die tolle Zeit, die ich zusammen mit meinem Freund Urban auf der Insel verlebt hatte.

Einerseits ging es mir wie jedem Heimkehrer – ich freute mich auf die vertrauten Gesichter meiner Familie und das Wiedersehen mit meinen Freunden. Andererseits wusste ich nicht recht, was mich zu Hause erwartete, ich war unsicher, ob ich mich überhaupt wieder in der alten Umgebung zu Recht finden würde. In England hatte ich meine Heimatstadt, meine Familie und meine Freunde keine Sekunde vermisst, ganz im Gegenteil. Denn die letzten sechseinhalb Monate hatte ich gelebt wie noch nie zuvor! Die lustvolle Zeit der Abenteuer und neuen Freundschaften mit Mädchen und Jungs aus der halben Welt war viel zu schnell vorübergegangen und ich würde noch einige Zeit benötigen, um alle Eindrücke und Erfahrungen zu verdauen. 

Am ersten Freitagabend nach meiner Rückkehr suchte ich meine Freunde in unserem Stammlokal, dem ‹Chuchichäschtli›, auf. Ich wurde freudig begrüsst und musste als erstes viele anzügliche Neckereien und derbe Sprüche über mich ergehen lassen, welche vom Lachen und Gewieher der Tischrunde begleitet wurden. Alle waren sie da: der schlaue Pic, Paul, Top-Verkäufer und Frauenheld, der kleine, jähzornige Pierre, dessen Fäuste schneller reagierten als sein Verstand, der drahtige Fred, der ungehobelte Fritz, genannt ‹Bauer›, ‹Geier› Tim, spezialisiert auf die Freundinnen und Geliebten anderer, sowie der ‹Grosse›  und der ‹Kleine Macker›. Der ‹Grosse Macker› war zwei Jahre älter als der ‹Kleine› und als einziger meiner Freunde verheiratet und sogar schon Vater. Die ganze Clique weidete sich jeweils genüsslich an den häufigen Streitereien der beiden Brüder. Einen eigentlichen Anführer gab es nicht, wenn auch Pic dank seiner stattlichen Erscheinung und seiner ausgeprägten Persönlichkeit häufig im Mittelpunkt stand. Vom engeren Kreis fehlte nur der charmante Urban, der erfolgreichste Ladykiller der Bande. Urban und ich hatten bereits in der ersten Primarklasse die gleiche Schulbank gedrückt und unsere Freundschaft war all die Jahre bestehen geblieben, obwohl wir uns zwischendurch auch mal aus den Augen verloren hatten. 

Zusammen waren wir nach England gereist; Urban befand  sich noch immer dort und entwickelte sich mehr und mehr zu einem Lebenskünstler. Er wollte erst dann in die Schweiz zurückkehren, wenn die Schneedecke in den nahen Alpentälern dick genug war, um Skifahren zu können. Dann würde er tagsüber als Skilehrer die schmachtenden Holden durch die weisse Pracht talwärts führen. Beim Après-Ski in den gemütlichen Beizen* kam man rasch auf Tuchfühlung, so dass der eigentliche ‹Kill›, wie die jagdbegeisterten Engländer sagen, vorbereitet werden konnte. 

Das schöne Geschlecht (einige wenige feste Freundinnen, temporäre Geliebte und  neue Bekanntschaften) war natürlich immer vertreten, wenn man sich im Chuchichäschtli oder bei schönem Sommerwetter in den Boulevardcafés am Ufer der Reuss traf. Die Mädchen wechselten manchmal ihre Freunde innerhalb der Clique aus oder wurden ihrerseits von den Jungs weitergereicht; sie kamen und gingen, während der harte Kern der Freunde bestehenblieb.

Zudem waren da immer noch einige Mitläufer, Zaungäste sozusagen. Diese wurden durch die Gruppendynamik angezogen, tauchten hin und wieder an einem Fest oder einer Party auf und verschwanden wieder. Falls sie mit weiblicher Begleitung aufkreuzten, mussten sie mit Verlust rechnen. Vor allem der Geier, aber auch Pierre und der grosse Macker machten jede an, sobald sich eine günstige Gelegenheit bot. Sie galten als gnadenlose Meister im Ausspannen und nahmen keine Rücksicht auf bestehende Bindungen. Nur gerade innerhalb des engsten Freundeskreises galt ein gewisses Fair Play; kam es aber zu Streitereien in bestehenden Partnerschaften, standen diese drei bereits in den Startpflöcken. 

Das Restaurant Chuchichäschtli. Früher hatte sich an gleicher Stelle das Restaurant Bernerhof befunden, zugehörig zum alten Hotel gleichen Namens. Während das Hotel vom internationalen Tourismus profitierte, überlebte das Restaurant nur dank einigen wenigen Stammgästen. Da hatte der Wirt, eine berühmt-berüchtigte Figur der Luzerner Servelat-Prominenz*, eine geniale Idee, möglicherweise wurde sie aus Bayern oder Österreich importiert, wie auch immer: Innerhalb weniger Wochen wurde aus dem verstaubten Restaurant Bernerhof das Luzerner Chuchichäschtli. Chuchichäschtli, das magische Wort, welches man den Gästen fremder Zunge  immer aufnötigte, um sich dann an deren zungenbrecherischen Sprechversuchen zu ergötzen, wobei die Gäste sich meistens - wie auch heute noch - genau so amüsierten wie die Einheimischen. In mattem Hellgrün, manche nannten es auch Hinterwäldlergrün, waren Decke und Wände gehalten, die Kanten verziert mit feinem rotem Dekor. Mit Dutzenden alten, verbeulten Küchengeräten wie Suppen- und andere Kellen, Rüstbrettern, Sieben und weiterem mehr war versucht worden, die Stimmung einer ländlichen Bauernküche zu vermitteln. Auf Augenhöhe konnte man Weisheiten aus der Gastroszene kennen lernen. Da stand zum Beispiel: Wer nichts wird, wird Wirt. Mehrere uralte, schwarze Eisenöfen waren so platziert, dass sie neben der optischen Attraktivität auch als Tellerablage dienten. Tische und Stühle waren aus dunklem Holz, das Licht nur leicht gedämpft. Der Küchenchef hatte eine zum Gesamtkonzept passende Speisekarte entworfen:  Es gab vor allem einfache einheimische Fleischgerichte wie Lozärner Chögelipaschtete*, Bratwurst mit Rösti*, Ghackets met Hörnli*, dazu Spezialitäten wie Schnecken an feiner Wein- oder Kräutersauce, um damit vom Kaugummifeeling abzulenken. Oder Beefsteak Tartar, vornehmlich zu mitternächtlicher Stunde genossen und, nicht zu vergessen, eine vorzügliche Schokoladencréme, auf Wunsch mit frischem Rahm. Die Weinkarte durfte sich sehen lassen, wie es hiess, doch wir zogen eher Bier und in den kalten Monaten den schweizweit berühmten Kafi Luz vor - in hohen Gläsern servierten schwachen Kaffee mit Träsch*. Die Liebhaber eines traditionellen Milchkaffees tranken diesen wie Bauersleute aus grossen Chacheli*. Bis Mitternacht konnte man warme Speisen bestellen, eine Novität für Luzern und damit hatte sich das Chuchichäschtli bereits einen grossen Teil des ausgehfreudigen, vor allem jüngeren Publikums gesichert. 

Auf jeden Fall schlug das Chuchichäschtli wie eine Bombe ein und  mauserte sich in Rekordzeit zu Luzerns In-Lokal Nummer eins. 

Dem Restaurant angegliedert war eine Wein- und Spirituosenhandlung. Sie befand sich im Weinkeller, welcher  als Verkaufs- und Partyraum ausgebaut worden war. Hierhin lud der Wirt immer wieder mal seine Stammgäste zu Partys ein, welche bis in die Morgenstunden dauerten und öfters zu ausgedehnten Saufgelagen ausarteten. Urban und ich legten uns während einem solchen wilden Anlass der Einfachheit halber gleich unter die grossen Weinfässer, um den edlen Saft ohne den Umweg über Karaffen und Gläser durch die Kehlen fliessen zu lassen. 

 

Nun sass ich also inmitten meiner alten Clique, doch je länger der Abend dauerte, um so mehr fühlte ich mich fehl am Platz. Es war, als hätte ich all die Spässe und jeden Witz schon tausendfach gehört. Die angeberische Anmache meiner Freunde - es hatten soeben drei ‹neue› Mädchen am Tisch Platz genommen – ging mir zunehmend auf die Nerven. Mehrere Male versuchte ich den neben mir sitzenden Pic und Fritz von meinen Erlebnissen in Bournemouth zu erzählen. Aber ich merkte bald, dass es niemanden wirklich interessierte, wie ich mich mit Urban in den romantischen englischen Pubs im New Forest vergnügt oder was für tolle Bands wir uns live angesehen hatten. England war für sie irgendwo weit weg und uninteressant; ihre Optik war nur auf die nächste Umgebung gerichtet. Gleichzeitig wurde mir auch bewusst, dass ich ihnen deswegen keinen Vorwurf machen konnte! Sie lebten in der gleichen Welt, folgten den gleichen Gewohnheiten wie früher, währenddessen ich mich in einer neuen Umgebung bewegt, Menschen aus aller Herren Länder kennengelernt und deshalb meinen Horizont erweitert hatte; so nahm ich jedenfalls an. Vor allem hatte ich Toleranz gelernt! Ich beschloss deshalb, erst mal abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten, bevor ich meine Kumpane kritisierte. 

Gegen Mitternacht wurde beschlossen, die Aktivitäten in die gegenübergelegene Flora Disco  zu verlegen. Pierre, Paul und Fritz, deren Alkoholpegel bereits in erstaunliche Höhe gestiegen war, stritten sich noch mit der Bedienung herum – die Kellner versuchten immer, eine globale Rechnung zu erstellen, während die meisten der Freunde auf individueller Bezahlung beharrten – da entschloss ich mich, das Handtuch vorzeitig zu werfen und den Heimweg anzutreten.

«Das kannst du doch nicht machen», entrüstete sich Fred, auch er mit ziemlich Öl am Hut, «jetzt wird es doch erst richtig lustig!»

Er neigte sich zu mir herüber, wobei seine Bierfahne meine Nase streifte und raunte mir zu:

«Hast du nicht bemerkt, wie dir die kleine Scharfe dort immer wieder schöne Augen gemacht hat? Da liegt doch was drin, da wett' ich um jedes Geld. Wenn du die auslässt, landet sie womöglich noch bei Tim, diesem Aasgeier. Wie der sich den ganzen Abend bemüht hat, zum Totlachen! Dabei hatte er bei ihr bisher keine Chance. Ich glaube, ihr hat es gefallen, dass du als einziger den grossen Schweiger markiert hast. Ist wohl 'ne neue Masche von dir, ja?» Mit lautem Lachen stiess Fred seinen Ellbogen in meine Seite. Klar, es war auch mir aufgefallen, dass mich eines der drei Mädchen einige Male neugierig gemustert hatte, aber ich war nicht in der Laune, bei der Balz mitzumachen.

«Soll der Geier sie doch abschleppen», antwortete ich abschätzig, «ich bin nicht in der Form für Hahnenkämpfe.»

«Was ist eigentlich los mit dir?» Pic hatte meinen letzten Satz mitgehört und mischte sich nun ins Gespräch, wobei er mich forschend musterte: «So ruhig habe ich dich noch nie gesehen. England scheint dir nicht gut getan zu haben!»

«Ist schon möglich,  dass die letzten sechs Monate mich verändert haben», gab ich ausweichend zurück und wollte noch etwas von «weniger eng als hier in Luzern» oder «viel weltoffenere Gesellschaft» hinzufügen. Aber Pic und Fred hatten sich schon wieder abgewandt, weil sich jetzt alle erhoben und Richtung Ausgang bewegten. Als letzter trottete ich aus dem Restaurant, unschlüssig, ob ich jetzt wirklich nach Hause gehen oder vielleicht doch noch auf einen letzten Drink ins Flora hinüberwechseln sollte. Da fühlte ich, wie jemand meinen rechten Arm fasste und eine lebhafte Mädchenstimme fragte mich: «Du kommst doch auch noch mit, ja?»

Es war die kleine Scharfe. Sie sah mich von der Seite mit einem herausfordernden und zugleich fragenden Blick an. Ich entdeckte den Schalk in ihren Augenwinkeln und wusste gleich, dass der Abend doch noch spannend werden könnte.

«Natürlich», antwortete ich und erwiderte ihr Lächeln, «wer möchte denn jetzt schon nach Hause gehen?»

Vor dem Eingang zur Disco mussten wir einen Moment warten.

«Wie heisst du eigentlich?», fragte ich meine Begleiterin.

«Nina. Du bist Bruno, nicht wahr?»

Ich nickte, antwortete aber nicht mehr, denn wir waren bei der Kasse angelangt. Nina bestand darauf, ihren Eintritt selbst zu berappen. Die Freunde hatten sich bereits Richtung Bar in Bewegung gesetzt. Nina hängte sich wieder bei mir ein. Warm und weich spürte ich die erregende Berührung ihres Busens an meinem rechten Oberarm.

Bis vor wenigen Minuten wollte ich noch frustriert den Heimweg antreten. Jetzt sah alles plötzlich ganz anders aus; meine Stimmung hatte sich dank der Begegnung mit Nina um hundertachtzig Grad gedreht! 

Leider hielt mein Anfangshoch nicht lange an – schon nach wenigen Tagen wusste ich mit Bestimmtheit, dass ich keine weitere Woche in Luzern verbleiben konnte! Zu eng, zu kleinkariert erschien mir alles: Mit Nina war es nach zwei Nächten aus, sie wollte mich ganz für sich, dabei empfand ich für sie nur sexuelles Begehren, andererseits schmerzte mich die Oberflächlichkeit der Beziehungen im alten Freundeskreis. Für mich jedenfalls wurden die gemeinsamen Abende zur Farce und ich empfand es als Heuchelei, wenn ich mit ihnen zusammen über ihre Spässe lachte, die ich nicht mehr als lustig empfand.

Ich begann, die Stelleninserate in mehreren Tageszeitungen zu studieren. In Genf suchte die ‹Société›, eine international tätige Firma, einen jungen, mehrsprachigen Korrespondenten, und zwar per sofort. Ich rief an und fuhr schon am folgenden Tag in die Rhonestadt. Dort wurde ich interviewt, das Salär wurde besprochen und am Ende dieser ersten Besprechung gleich der Vertrag unterschrieben. Arbeitsbeginn in fünf Tagen, am Montag, ersten Dezember 1969, acht Uhr. Für die erste Zeit, bis zum Einzug in eine Wohnung, würde die Firma für mich ein Hotelzimmer in der Nähe suchen und die Hotelkosten übernehmen.

* siehe unter Helvetismen